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Zukunftslabor Land – Mehr als Tradition und Vereinsleben!

In der Gesellschaft werden ländliche Räume häufig noch stigmatisiert und das, obwohl die Mehrheit der Deutschen auf dem Land lebt. Sie werden in Abgrenzung zur Stadt gesehen, oft sogar definiert. Wir wollen zeigen, dass solche Denkstrukturen veraltet sind, denn: Ländliche Räume sind viel mehr als Landwirtschaft, Tradition und Vereinsleben. Sie können als Zukunftslabor innovative und lokal-angepasste Lösungen für Schlüsselherausforderungen der Gesellschaft liefern – wenn ihr Potenzial erkannt und ausgeschöpft wird.

Barrieren abbauen

Dafür müssen zunächst Barrieren im Kopf abgebaut werden. Progressive Themen werden oft ausschließlich urbanen Räumen zugeschrieben, auch politisch werden ländliche Räume häufig nicht konsequent mitgedacht. Diese Denkmuster sind Überbleibsel von Zeiten der Industrialisierung, als es in der Tat noch voneinander abgrenzbare Biografien dieser zwei Räume gab – die Stadt boomte, war Zentrum für Zukunftsthemen, Innovation und Wirtschaft. Dem Land blieb die Reduktion auf Landwirtschaft, die Gemeinschaft, die Tradition.

Durch Strukturwandel in sozio-ökonomischen Themen ist diese Schwarz/Weiß-Unterteilung mittlerweile jedoch längst überholt.

Den “ländlichen Raum” gibt es nicht

Ein Problem solcher Zuschreibungen ist das Denken in Kategorien, aber: Wir als Akademie sind der Überzeugung, dass es den einen “ländlichen Raum” nicht gibt!

Räume können ganz unterschiedlich aufgebaut sein und vor allem auch verschieden wahrgenommen werden. Räume werden konstruiert, gemacht und gedacht. So sind ländliche Räume im Süden Deutschlands beispielsweise anders, als im Norden, nicht bloß optisch, sondern auch in der Wahrnehmung gibt es ganz unterschiedliche Zuschreibungen: Was macht eine Stadt, was macht das Land aus?

Ein weitreichender Fehlschluss ist, dass Strukturschwäche mit dem ländlichen Raum gleichgesetzt wird. Aufgrund der Diversität solcher Räume kann diese Zuschreibung keine Allgemeingültigkeit besitzen. Zwar treffen der demografische Wandel oder Fachkräftemangel vor allem ländliche Räume. Jedoch gibt es andere Entwicklungen, die vornehmlich urbane Räume treffen, wie Häuserleerstand, das Problem mit altindustriellen Brachflächen oder schlechte Luftverhältnisse. Deshalb ist es wichtig, die strikte Unterteilung in Stadt und Land – Schwarz und Weiß zu hinterfragen, denn…

…Grenzen verschwimmen

Was einst klassische Stadt-/Land-Zuweisungen waren, findet man mittlerweile hybrid in unterschiedlichen Räumen. Urbane Räume werden zunehmend grüner, ländliche Räume mobiler. Hybride Gebilde und Landschaftsschnittstellen wie die “Zwischenstadt” und “Rurbane Räume” entstehen. Es gibt oft keine eindeutigen Faktoren mehr, die auf eine klare Raumzuteilung schließen lassen. Entwicklungen wie die zunehmende Digitalisierung lassen Distanzen schmelzen und definieren klassische Lebens- und Arbeitsräume neu.

Sobald man von vorherrschenden Wertzuschreibungen zurücktritt und Regionen individuell betrachtet, fällt es leichter, die vorhandenen Möglichkeiten nachhaltig auszuschöpfen.

Auf Stärken besinnen

Es gibt durchaus Attribute, die in ländlich geprägten Räumen traditionell eher stark vorhanden sind: Darunter zählen Gemeinschaft, die Bereitschaft zu (ehrenamtlichen) Engagement, intakte soziale Strukturen.

Gemeinschaftsbildende Projekte können den Grundstein für innovative Entwicklungsprozesse bilden: Unter Einbezug der Zivilgesellschaft können Gesamtstrategien entwickelt und systemische Standortentwicklung vorangetrieben werden. Unsere Erfahrung zeigt: Die Bereitschaft, sich zu engagieren, ist in ländlichen Räumen generationsübergreifend vorhanden. Alt und Jung lernen voneinander und bereichern sich durch unterschiedliche Perspektiven. Alteingesessene und Zugezogene haben einen ganz individuellen Blick auf Regionalentwicklung und können durch kooperative Projekte innovative Ansätze entwickeln. Wichtig ist es, die Menschen an einen Tisch zu bringen und ihnen zuzuhören.

Durch Flexibilität und Beteiligung können integrierte Entwicklungskonzepte entwickelt und die Zukunft weitergedacht werden: seien es Themen der Nachhaltigkeit, oder aber neue Lebens- und Arbeitsformen.

Aus Alt mach Neu

Nicht nur die gesellschaftlichen Strukturen bieten das Potenzial, ländliche Räume als Reallabor für zukunftsorientierte Fragen zu sehen und zu nutzen. Auch kulturell, oder wirtschaftlich vorhandene Strukturen können Ausgangspunkt für innovative Ansätze sein. Es geht nicht darum, Altbewährtes umzuschmeißen, nur um etwas Neues zu schaffen – ganz im Gegenteil!

Tradition und Innovation verbinden

Mit Kreativität und Wissensvernetzung können spannende Projekte entstehen, die Innovation und Tradition nicht als Gegensätze sehen, sondern verbinden – kulturell, ökonomisch, gesellschaftlich, wie beispielsweise die Wiederverwendung traditioneller und klassischer Handwerkstechniken, die übergreifende Nutzung von lokalen und regionalen Wertschöpfungsketten, oder das Öffnen vorhandener Vereinsstrukturen für neue Beteiligungsformate.

Wir finden: Ländlich geprägte Räume bieten durch ihre Einzigartigkeit spannende Ansätze für innovative Projekte. Dafür muss man sich nur von veralteten Denkstrukturen lösen und die regionale Identität und Vielfalt wahrnehmen! Gerne begleiten wir euch als Akademie bei solchen Projekten und blicken mit euch gemeinsam über den Tellerrand hinaus.

Kontakt

  • Julian Lucas
    Referent für politische Bildung und nachhaltige ländliche Entwicklung
    0 22 24. 94 65-41