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Die Arbeit mit Jugendlichen als Schatzsuche verstehen

In direkten Kontakt mit Jugendlichen kommen wir als Akademie vor allem im Rahmen von Jugendbeteiligungsvorhaben oder jugendverbandlichen Veranstaltungen. Beide Bereiche haben eines gemeinsam: Das Ziel, junge Menschen in der Umsetzung ihrer Vorhaben eigenständig zu machen.

Jugendbeteiligung ist kein Wunschkonzert, dessen Ergebnisse Erwachsene anschließend umsetzen.
Und Jugendverbände haben seit den 70er Jahren die Selbstverwaltung zu einem entscheidenden Identifikationsmerkmal erhoben.

Anspruch und Wirklichkeit

Aber unter uns: Werden wir diesem Anspruch als erwachsene Prozessbegleiter*innen wirklich immer gerecht?

Es lohnt, sich immer wieder kritisch auf die eigenen Finger (bzw. den Mund) zu schauen. Denn oft genug bewirken wir – gerade wenn wir besonders motiviert sind – bei unseren Teilnehmer*innen genau das Gegenteil: Die Jugendlichen bzw. Verbandsmitglieder haben keinen Bock. Warum? Engagiert gehen wir voran, schmieden kreative Pläne, bereiten unsere Workshops bis ins letzte Detail vor, werben wortreich für das was kommt, haben hohe Erwartungen an die Gruppe, … und verlieren genau diese dabei aus dem Blick.

Die Annahme, dass ich weiß was andere wollen, macht mich blind für das, was andere wollen.

Begleitung als Schatzsuche

Schatzsuche

Eine wichtige Lektion auf dem Weg zum Begleitungs-Profi ist daher, zuhören zu lernen. Und das ist schwerer als es klingt. Helfen kann dabei das Bild einer Schatzsuche – denn was könnte ein größerer Schatz sein, als eine motivierte, selbstständige und engagierte Jugendgruppe?

Wer seinen Teilnehmer*innen ein Angebot nach dem nächsten macht, wer Erwartungen vorwegnimmt und redet und redet, der verhält sich wie ein*e Schatzsucher*in, die*der die gesamte Insel umgräbt, in der vagen Hoffnung, das nächste Loch könnte das richtige sein. Wäre es nicht einfacher, sich in die nächste Hafenkneipe zu setzen und in aller Ruhe den Geschichten von einsamen Inseln und geheimnisvollen Schatzkarten zu lauschen – und erst dann die Schaufel in die Hand zu nehmen?

Es braucht dafür nicht immer ein ausgefeiltes Workshopkonzept. Eine kleine „Hafenkneipe“ mit je einer Frage zu folgenden vier Schritten tut es oft auch:

Nach Meinungen und Ideen fragen

„Worauf habt ihr Bock?“
„Was wolltet ihr schon immer mal machen?“
„Wofür sollte man sich mal stark machen?“

Allen Gehör und Verständnis verschaffen

„Hey Leute, Alex hat ne Idee.“
„Du schlägst also eine Party vor, mit der Spenden gesammelt werden? Richtig verstanden?“
„Stopp, stopp! Wir kommen nicht mehr mit. Brings nochmal auf den Punkt.“

Beiträge sortieren und auswählen

„Du bist da ganz bei Maxi mit deiner Idee, oder?“
„Also wir haben jetzt mehrere Vorschläge: …“
„Wie können wir die Idee von Alex und Maxi verbinden?“

Umsetzung vorausdenken

„Wow, so viele Vorschläge. Was machen wir als erstes?“
„Was brauchen wir dafür?“
„Chris, wie war das nochmal mit deinem Vorschlag?“
„Wer kümmert sich drum?“

Drei Tricks für die Suche

Fragen statt sagen

Vielleicht ist es dir aufgefallen: Die meisten Fragen im letzten Abschnitt waren sogenannte offene Fragen. Das heißt, dass sie nicht mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten sind. Hiermit zwingen wir unsere Teilnehmer*innen nachzudenken und es nicht bei einer kurzen Antwort zu belassen. Jede W-Frage, ist so eine Frage: Was? Worauf? Warum? Wozu? Wer? Wann? etc.

Aber auch geschlossene Ja/Nein-Fragen sind wichtig. Denn mit ihnen kannst du das Gespräch beschleunigen, zu einem Ergebnis kommen und ja, auch schon mal die Vielredner*innen ausbremsen (und hilfst ihnen dabei sogar noch, auf den Punkt zu bringen, was sie sagen wollen).

Die richtigen Fragen sind also das wichtigste Werkzeug – quasi Steuerrad, Kompass und Schaufel in einem. Und, wie praktisch: Wer fragt, nimmt sich automatisch selbst zurück, zeigt Interesse, motiviert so die Gruppe und hört, was ihr wichtig ist.

Atmosphäre und Ausstrahlung

Aber dein aufrichtiges Interesse solltest du der Gruppe nicht nur durch Fragen zeigen. Dass du wirklich neugierig auf ihre Motivationen, Erwartungen, Meinungen und Ideen bist, drückst du am besten mit dem ganzen Körper aus.

Mit Blickkontakt sorgst du dafür, dass sich alle gesehen fühlen. Eine einladende Geste, oder ein Schritt auf jemanden zu sagt: „Los, jetzt bist du dran, ich höre dir zu.“ Dein strahlendes Lächeln steckt an und macht Lust auf das was kommt. Und wenn du aufspringst und in die Hände klatscht, ist sofort klar: „Genug geredet, jetzt geht’s los!“

Es liegt also an dir, ob du mit deiner Ausstrahlung eine Situation schaffst, die anregt oder langweilt. Und du hast sogar noch mehr Möglichkeiten: Denn eine motivierende Atmosphäre hängt vom gesamten Drumherum ab. Trefft ihr euch in einem grauen Kellerloch, in einer gemütlichen Sofaecke, am Tischkicker oder auf der Wiese? Habt ihr Zeit und Ruhe oder muss es schnell gehen? Ist alles da, was ihr braucht, oder musst du noch hektisch vorbereiten?

Steuern, aber nicht Kurs angeben

Achtung, jetzt musst du stark sein! Wenn du moderierst, entscheidet die Gruppe darüber, welchen Schatz sie ausgraben will – und nicht du. Keine Sorge, Steuern darfst und sollt du. Aber eben mit Fingerspitzengefühl, und nach den Kursangaben der Gruppe.

Zwei Beispiele machen das deutlich:

a) „Cool, die Idee gefällt mir.

b) „Cool, danke für deine Idee.“

Beispiel a) ist gut gemeint. Wer die Idee eingebracht hat, fühlt sich bestätigt. Allen anderen zeigst du so aber auch, dass es darum geht, dir zu gefallen. Sie fragen sich jetzt: Ist meine Idee gut genug oder halte ich besser den Mund? Außer natürlich, jede Äußerung bekommt das gleiche Lob. Dann aber nutzt sich diese Form der Motivation schnell ab.

Besser ist Beispiel b): Der Beitrag selbst wird nicht bewertet. Die Gruppe soll ja später selbst einschätzen, welche Idee ihr am besten gefällt. Als Moderation lobst du aber das, was du als Steuermann*frau brauchst: Dass hier jemand mitdenkt und sich beteiligt.

 


Werkbrief ABC der GruppenstundenDiesen Text haben wir auch im Werkbrief “ABC der Gruppenstunden” der KLJB Bayern veröffentlicht.

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